Der Waschbär in Kleinostheim: Herausforderungen für Artenschutz, Wohnqualität und kommunales Bestandsmanagement

In den vergangenen Jahren mehren sich Hinweise aus der Bevölkerung, dass der Waschbär sich im Gemeindegebiet von Kleinostheim ausbreitet. Insbesondere in den Wohngebieten in direkter Main-Nähe sowie in den an den Waldrand grenzenden Straßen werden die Tiere regelmäßig gesichtet. Dabei handelt es sich längst nicht mehr um seltene Einzeltiere – Aufnahmen mit privaten Wildtierkameras und Beobachtungen von Anwohnern belegen, dass teilweise bis zu sieben Tiere in einer einzigen Nacht durch die Gärten streifen.

Als Vogel- und Naturschutzverein wollen wir sachlich und qualifiziert über diese Entwicklung informieren. Es geht hierbei weder um Panikmache noch um eine populistische Debatte, sondern um den Schutz unserer heimischen Natur, den Erhalt der Lebensqualität und um das Aufzeigen konsequenter, wirksamer Lösungswege in unserer Gemeinde.

Ein intelligenter Kulturfolger erobert den Siedlungsraum

Der Waschbär stammt ursprünglich aus Nordamerika und ist von der Europäischen Union offiziell als „invasive gebietsfremde Art“ eingestuft. In seiner Heimat regulieren Fressfeinde wie Luchse, Kojoten oder Pumas die Bestände, die bei uns gänzlich fehlen, weshalb sich die Population nahezu ungebremst ausbreitet.

Biologisch zeichnet sich der Waschbär durch eine hohe Anpassungsfähigkeit aus. Mit einem Körpergewicht von bis zu zehn Kilogramm und einer Kopf-Rumpf-Länge von bis zu 70 Zentimetern gehört er zu den mittelgroßen Raubtieren. Besondere Kennzeichen sind seine hohe Lernfähigkeit und Intelligenz sowie die extreme Sensibilität und Fingerfertigkeit seiner Vorderpfoten, mit denen er Hindernisse überwinden und Barrieren öffnen kann. Zudem besitzt die Art eine hohe Fortpflanzungsrate: Ein Weibchen bringt nach einer Tragzeit von etwa zwei Monaten im Frühjahr durchschnittlich drei bis fünf Welpen zur Welt, was zu einer hohen Populationsdynamik führt.

Laut den offiziellen Daten zeigt die Entwicklung der Jagdstrecken das enorme Ausmaß: In den letzten 20 Jahren stieg die Anzahl der registrierten Waschbären bayernweit um über 14.800 % auf fast 7000 Tiere. Rund 87 % des bayerischen Gesamtbestandes konzentrieren sich dabei auf den Hotspot Unterfranken.

Der Landkreis Aschaffenburg gilt hierbei als primäres Einfallstor. Die Zunahme der Population vor unserer Haustür ist sehr dynamisch: Innerhalb von nur zwei Jahren stieg zuletzt die Zahl der durch Jäger erlegten Tiere um 38% auf zuletzt 1.154 – dabei sind in Wohngebieten und Gärten gefangene Tiere noch nicht mitgezählt.

Dass der Waschbär vermehrt den Weg in die Kleinostheimer Gärten und Häuser findet, hat handfeste Gründe: Unsere Siedlungen bieten ein extremes Überangebot an Nahrung und Unterschlüpfen, das die Tiere als Kulturfolger gezielt ausnutzen. Wildbiologische Erfahrungen zeigen zudem, dass, auch wenn sich der Befall aktuell noch vor allem auf die wald- und wassernahen Zonen konzentriert, die Tiere mit zunehmendem Populationsdruck im Laufe der Zeit unweigerlich auch den Ortskern flächendeckend besiedeln werden, wenn nicht frühzeitig entgegengewirkt wird.

Das breite Nahrungsspektrum: Wer und was ist gefährdet?

Der Waschbär frisst alles, was leicht erreichbar ist! Sein Speiseplan wechselt je nach Jahreszeit und Lebensraum, was ihn zu einer Bedrohung für unsere heimische Artenvielfalt macht.

Er plündert systematisch Nester von Vögeln. Betroffen sind Höhlenbrüter wie Kohl- und Blaumeisen, Kleiber und Star, aber auch Boden- und Wasservögel wie Enten, Blesshühner und Feldlerchen. Er frisst sowohl die Eier als auch die schutzlosen Jungvögel und brütenden Altvögel. Ein Hühnerstall mit Tieren, Eiern und Hühnerfutter ist für ihn ein Schlaraffenland.

Eine erhebliche Gefahr stellt er zudem für unsere streng geschützten Fledermäuse dar. Da Waschbären hervorragend klettern, plündern sie im Sommer wehrlose Wochenstuben in Dachstühlen oder Baumhöhlen und überraschen im Winter tief schlafende Fledermauskolonien in ihren Quartieren und löschen so ganze Kolonien aus.

Besonders im Frühjahr wandert er an Laichgewässer und dezimiert Bestände von Erdkröten, Grasfröschen, Molchen und Teichmolchen. Um das giftige und bittere Abwehrsekret auf der Haut von Erdkröten zu umgehen, häutet er die gefangenen Amphibien vor dem Verzehr bei lebendigem Leib oder weidet sie von der ungiftigen Bauchseite her aus. Auch Zauneidechsen und Ringelnattern gehören zu seiner Beute. Er sucht den Boden gezielt nach Regenwürmern, Käfern, Engerlingen und Schnecken ab.

Mäuse, Spitzmäuse und die Gelege von Igeln werden gefressen. Nachweislich brechen in Waschbären-Hotspots die Bestände der ohnehin gefährdeten Igel massiv ein. Mit seinen geschickten Pfoten rollt der Waschbär die Igel so lange hin und her, bis er sie an der ungeschützten Bauchseite verletzen kann. Herkömmliche Igelhäuser bieten keinen Schutz.
Insbesondere im Sommer und Herbst sind seine absoluten Leibspeisen reife Kirschen, Pflaumen, Zwetschgen, Äpfel, Birnen und Weintrauben. Er nutzt Beerensträucher (wie Brombeeren und Himbeeren) und frisst im Herbst große Mengen an energiereichen Eicheln, Bucheckern und Walnüssen, um sich seinen Winterspeck anzufressen. Er stellt so eine direkte Nahrungskonkurrenz für Eichhörnchen und Eichelhäher dar. Da er große Mengen frisst, verringert er das Nahrungsangebot, das diese Arten für ihre lebenswichtigen Wintervorräte benötigen. Dies kann die Wintersterblichkeit der Eichhörnchen erhöhen. Zudem wird dadurch die natürliche Verjüngung des Waldes geschwächt, da weniger Samen im Boden vergraben werden und keimen können.

Auch landwirtschaftliche Kulturen, wie Zuckermais, werden im Spätsommer gefressen.

Sichtbare Schäden im Wald und im Garten

Als Verein stellen wir seit einiger Zeit die ökologischen (und wirtschaftlichen) Auswirkungen im Rahmen unserer Naturschutzarbeit ebenfalls fest. In einigen von uns betreuten Waldrevieren rund um Kleinostheim weisen mittlerweile rund 10 % aller Nistkästen Aufbruchschäden oder Plünderungsspuren auf. Die Tiere öffnen die Nistkästen – sogar wenn sie mit Drahtsicherungen versehen sind – und zerren die Nester heraus. Scheitert dies, führt intensives Rütteln dazu, dass komplette Kästen vom Stamm reißen und zu Boden stürzen.

An unseren Insektenhotels versuchen wir mit Gittern die Bruthöhlen zu schützen, denn anders als Vögel (wie Spechte), die meist nur von vorne in die Röhren hacken, nutzen Waschbären ihre Kraft, um Schilfhalme, Bambusstäbe oder Rindenstücke komplett aus dem Rahmen eines Insektenhotels herauszureißen.

In gleicher Weise sind spezielle Fledermauskästen betroffen. Waschbären klammern sich an die Kästen und tasten den Innenraum durch die Einflugschlitze mit ihren geschickten Pfoten systematisch nach den schlafenden Tieren ab.

Dasselbe Bild zeigt sich in privaten Gärten: Klassische Vogelfutterhäuschen werden umgerissen, Gelege aus Nistkästen herausgezogen und Nistkästen heruntergerissen.

Gesundheitliche Risiken sachlich eingeordnet

Neben den materiellen und ökologischen Schäden bringt die Nähe der Wildtiere zu Wohngebäuden gesundheitliche Risiken mit sich.

Der Waschbärenspulwurm ist in etablierten Waschbärpopulationen weit verbreitet. Die mikroskopisch kleinen Eier werden an Kotplätzen ausgeschieden. Waschbären kehren dabei an sog. Waschbärenlatrinen zurück. Eine orale Aufnahme durch Kleinkinder in Sandkästen oder auf Spielwiesen kann schwere Organ- und Nervenschäden verursachen. Da die Eier erst nach 2 bis 4 Wochen in der Umwelt infektiös werden, gilt es frischen Kot umgehend unter Hygienemaßnahmen zu entfernen und die Tiere von den Latrinen zu vergrämen.

Des Weiteren ist die Leptospirose, eine bakterielle Infektion, die über den Urin der Tiere ausgeschieden wird und in Pfützen, Gießkannen oder Planschbecken überlebt, für Menschen und Haustiere gesundheitsschädlich. Bei Hunden kann sie zu akutem Organversagen führen.

Warum eine konsequente Jagd – auch im Wohngebiet – unverzichtbar ist

Um den Druck auf den Artenschutz nachhaltig zu senken, reicht passiver Schutz allein nicht aus. Die Wildbiologie zeigt, dass mittlerweile eine großflächige Ausrottung des Waschbären unmöglich ist und eine unstrukturierte Bejagung im tiefen Wald biologisch durch eine beschleunigte Fortpflanzungsrate der Jungweibchen ausgeglichen wird, aber genau hieraus ergibt sich die zwingende Notwendigkeit eines scharf fokussierten, konsequenten Jagddrucks direkt an den Schadstellen auch innerhalb des Siedlungsraumes.

Die Bejagung erfüllt zwei kritische Funktionen. Damit heimische Singvögel ihre Brut erfolgreich aufziehen können, müssen im Spätwinter und Frühjahr in deren Brut- und Wohngebieten (in Biotopen und Gärten) die Waschbären entnommen werden. Das senkt den Raub- und Schadensdruck nachweislich und schafft das entscheidende Zeitfenster, das für die Aufzucht der Brut benötigt wird. Und entnimmt man die Waschbären, die verlässliche Nahrungsquellen kennen und diese Informationen an ihren Nachwuchs weitergeben würden, beugt man der Ausbreitung der Population sowie der Entstehung von dauerhaften Infektionsherden (Latrinen) im direkten Umfeld von Familien entgegen.

Die rechtliche Situation der Bejagung im Wohngebiet

Als invasive Art unterliegt der Waschbär voll dem Jagdrecht und darf ganzjährig mittels Ansitz- und Fallenjagd bejagt werden. Der Gesetzgeber stellt jedoch gleichzeitig den Schutz der Bevölkerung im besiedelten Raum an oberste Stelle. Dies führt zu einer klaren rechtlichen Aufteilung. Zwar ruht nach dem Bundesjagdgesetz und dem Bayerischen Jagdgesetz die Jagd auf bebauten Flächen und in privaten Gärten (sog. befriedeten Bezirken) grundsätzlich, aber um Schäden abzuwenden und Gefahren zu bekämpfen, sieht das Gesetz Ausnahmen vor. Die zuständige Untere Jagdbehörde am Landratsamt Aschaffenburg hat daher für befriedete Bezirke eine Jagdausübung mit Lebendfallen genehmigt. Die anschließende Tötung erfolgt tierschutzkonform durch einen qualifizierten Sachkundigen. Dabei genießen Muttertiere im Frühjahr und Frühsommer (während der Aufzuchtzeit der Welpen) Schutz.

In öffentlichen Diskussionen werden gelegentlich vermeintlich sanftere Methoden wie die chirurgische Kastration oder hormonelle Verhütungsmittel (die sogenannte „Anti-Baby-Pille“ für Wildtiere) ins Spiel gebracht. Aus rechtlicher und wildbiologischer Sicht sind diese Ansätze jedoch unbrauchbar. Laut EU-Invasivenverordnung ist es eine Straftat, gefangene invasive Tiere wieder in die freie Natur zu entlassen. Akute Schäden und Gefahren für die Bürger und den Artenschutz ließen sich durch wieder freigelassene Tiere ebenfalls nicht verhindern.

Ein wirksames Bestandsmanagement in Kleinostheim kann nur gelingen, wenn die rechtlichen Möglichkeiten voll ausgeschöpft werden und das Handeln der Gemeinde (Sicherung öffentlicher Flächen, aber auch Lebendfallen in Hotspots auf Privatgrundstücken, sofern der Eigentümer zustimmt), des Revierjägers und die Eigenvorsorge der Bürger zusammenwirken.

Was jeder Einzelne tun kann – und sollte

Für die Jagd im Wohngebiet ist die Gemeinde autorisiert, besitzt zugelassene Fallen und beschäftigt Mitarbeiter, die die Befugnis haben, die Tiere zu fangen und zu töten.

Der Revierförster bejagt und fängt die Tiere in seinem Revier.

Damit die behördliche Jagd im Ort langfristig Wirkung zeigt, müssen die Bürger den nachrückenden Tieren zusätzlich die Anreize nehmen. Dazu zählt insbesondere: Keine Fütterung, es darf niemals Haustierfutter oder Vogelfutter über Nacht im Freien stehen. Müll- und Biotonnen sind zu sichern und gelbe Säcke erst am Morgen der Abholung auf die Straße zu stellen. Gekochte Speisereste, Fleisch oder Molkereiprodukte gehören nicht auf den Kompost. Zugänge zu Gebäuden und (Obst-)Bäumen sind bei Bedarf zu sichern, um den Aufstieg zu verhindern. Fallobst (insbesondere Äpfel, Birnen, Pflaumen und Kirschen) sollten zügig aufgesammelt werden. Auch eine Meldung bei (gehäuftem) Auftreten ist hilfreich, um entsprechende Maßnahmen zu veranlassen und die Gemeinde in die Pflicht zu nehmen.

Fazit und Strategie

Der Waschbär ist Teil unserer Realität geworden, auch wenn er nicht hierher gehört. Nur durch das enge Zusammenspiel aus Eigenvorsorge, aufmerksamer Beobachtung, fortlaufender Aufklärungsarbeit und konsequenter Bejagung können wir die Bestände regulieren und Artenschutz und Lebensqualität in Kleinostheim nachhaltig sichern.

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